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„Seht ihr mich? Ich höre euch aber!“ Virtuelle kollegiale Beziehungen im Home-Office: Wie Slack als Interface Kolleg*innen verbindet

von | Jul 23, 2021

„Awww, der ist sooo süß”, tönt es verzückt aus den Lautsprechern meines Laptops. Ein Blick auf den Bildschirm und ich erkenne sechs breit-grinsende Gesichter (meines eingeschlossen), die mit leuchtenden Augen ein Baby, das von seiner Mama stolz in die Kamera gehalten wird, begeistert betrachten. Spontan habe ich mich diesem Meeting bei Slack zugeschaltet, genau wie die Kollegin, die bereits seit fast einem Jahr im Mutterschutz ist und kurz mal „Hallo“ sagen wollte. Schließlich geht das ja schnell und einfach – von zuhause aus.

Kollegialität zuhause

Home-Office. Im letzten Jahr ist dieser Begriff an keinem vorbeigegangen. Länger schlafen, mit nassen Haaren im Video-Meeting sitzen, schnell mal die Waschmaschine anstellen oder in der Mittagspause entspannt spazieren gehen. Im Rahmen meines Forschungsprojektes führte ich eine virtuelle Feldforschung in einem mittelgroßen internationalen Unternehmen durch, bei dem ich selbst seit einiger Zeit von zuhause aus arbeite. Neben einer teilnehmenden Beobachtung sprach ich dafür mit fünf Beschäftigten in Form von qualitativen Interviews, in denen mir die Interviewten ihre Erfahrungen mit der virtuellen Kommunikation im Home-Office schilderten. Im Fokus meiner Forschung stand die Frage, wie Kollegialität über räumliche Distanz hinweg praktiziert wurde. Kulturanthropologe und Medientheoretiker Götz Bachmann unterscheidet zwei Ebenen der Kollegialität: Deskriptiv meint der Begriff „das Verhältnis von Lohnabhängigen zueinander, [welche sich innerhalb des Unternehmens auf einer vergleichbaren Stufe der Hierarchie befinden]. […] Normativ fordert Kollegialität von diesen Lohnabhängigen, dass sie sich »gut« benehmen sollen, vor allem zueinander“ (Bachmann 2014: 13).

Abb. 1: Persönliche Status-Einstellungen im Slack-Konto (Lena Wolff via Photoshop)

Wer, wie, was ist Slack?

Zusammenarbeiten beschränkt sich längst nicht mehr auf denselben Raum. Doch was ist eigentlich ein „Raum“? Innerhalb der Kulturanthropologie wird Raum als ein soziales Konstrukt verstanden, welches von Akteur*innen, ihren Handlungen und ihren Interaktionen belebt und erzeugt wird (vgl. Eggel 2019). Im Kontext des untersuchten Feldes sollen zwei Arten von Räumen unterschieden werden: einerseits der physische Raum und andererseits der virtuelle Raum. Der physische Raum stellte meist das Zuhause der Akteur*innen dar; der virtuelle Raum wurde hingegen erst mithilfe eines Interfaces zu einer nicht greifbaren Instanz erzeugt. In dem Fall des Unternehmens wurde die Software des Instant-Messaging-Dienstes Slack genutzt, um Kommunikation zwischen Mitarbeitenden zu ermöglichen. Zum Zeitpunkt der Feldforschung wurde das Programm unternehmensweit genutzt. Es ist gewissermaßen als betriebsinterner Chat-Room zu verstehen: Nutzer*innen können über Funktionen wie Direktnachrichten, Gruppenchats und sogenannte „Channel“, welche meist ein bestimmtes Ziel oder Thema verfolgen, miteinander in Kontakt treten. Auf diese Weise können Akteur*innen innerhalb der einzelnen Chat-Räume auf unterschiedliche Weisen interagieren (z.B. Video-Calls tätigen, Reaktionen in Form von Emojis oder GIFs senden oder relevante Dateien empfangen/versenden).

Abb. 2: Beispiel eines fiktionalen Slack-Kontos (Brandfolder von Slack, 24.06.2021).

Digitale (Arbeits-)Räume

Wenn man Slack als ein Interface versteht, das kollegiale Kommunikation ermöglicht, sind zwei Aspekte zu unterschieden: einerseits die schriftliche Chat-Kommunikation und andererseits die audio-visuellen Video-Calls. Der schriftliche Austausch kann dabei sowohl synchron als auch asynchron erfolgen (vgl. Markman 2015: 62), ist dabei aber lediglich visuell erfahrbar. Bei Video-Anrufen können Teilnehmer*innen jedoch deutlich mehr wahrnehmen: Beispielsweise können so neben der Mimik, Gestik und dem räumlichen Umfeld der Gesprächspartner*innen (vgl. Schlütter 2011: 97) auch das Gesprochene und Hintergrundgeräusche wahrgenommen werden. Bei der Nutzung von Slack entstehen zugleich verschiedene virtuelle und erfahrbare Räume („cyberspaces“, vgl. Lessig 2008), in denen entsprechend den Funktionen von Slack auf unterschiedliche Weise interagiert werden kann (Chat-Räume und Video-Räume). Akteurinnen sind diese nicht-greifbaren Räume jedoch nicht bewusst; vielmehr nehmen sie Slack als eine Art Werkzeug wahr, das ihnen spontane und schnelle Kommunikation mit Kolleginnen ermöglicht. Denn: „cyberspace […] is about making life different, or perhaps better” (Lessig 2008: 83).

Abb. 3: Nachgestellte Grafik der Praktiken im Umgang mit Slack (Lena Wolff via Canva)

Spieleabende & „Daumen hoch“: virtuelle Praktiken & Rituale

„Was auch total cool geworden ist, dass bei Slack alle in den gemeinsamen Channel auf Slack und dass da jeder morgens ‚Guten Morgen‘ oder so reinschreibt, dass man weiß, dass die Person da ist. Dann weiß man ‚Hey, die Person ist online‘ und man kann der Person jetzt schreiben. Das macht es auch was menschlicher und man weiß, wann die Kollegen da sind.“

-Emilia Rosenberg, Mitarbeiterin bei Trusted Shops

Da alle Mitarbeiter*innen im Unternehmen Zugang zu der Software hatten, gingen viele unterbewusst davon aus, dass alle Kolleg*innen als „räumlich Nichtanwesende“ stets erreichbar waren (vgl. Thiedecke 2012: 124). Als Instant-Messaging-Dienst begünstigte Slack diese Annahme, da es synchrone Kommunikation ermöglicht (vgl. Markman 2015: 62). Wie Emilia Rosenberg oben im Zitat berichtet, ließen Kolleg*innen andere deshalb im Chat-Raum wissen, wenn sie sich Zugang dazu verschafft hatten; sprich, wenn sie online waren. So wurde die Erreichbarkeit deutlich gemacht und zugleich signalisiert, dass Kolleg*innen mit ihrer Arbeit beginnen würden. Das Programm bot aufgrund seiner synchronen Funktionalität eine Vielzahl an Möglichkeiten, damit Akteur*innen verschiedenen Praktiken und Ritualen (wie z.B. das tägliche „Guten Morgen“- Schreiben im Chat) auch in virtueller Form nachgehen konnten. Weitere virtuelle Rituale der Akteur*innen umfassten solche mit effizientem Charakter (z.B. tägliche/wöchentliche Meetings in Form von Video-Calls) und Aktivitäten mit Unterhaltungscharakter (z.B. Spieleabende, gemeinsames Frühstücken oder Kaffee trinken per Video-Call).

Lachen & Meckern: Emotionen im Home-Office

„Aber auf Slack ist das ja total Standard, dass man so mal in so einen Channel…ne GIF gibt und wo Leute dann natürlich sofort nen Lachen vermutlich haben. Und ähm, auch wenn man es nicht sieht, kann man sich das irgendwie schon denken. Und dann auch irgendwie wieder mit nem Emoji drauf reagieren oder so…es bringt einen näher. Es bringt einen näher zueinander.“

-Elias Taid, Mitarbeiter bei Trusted Shops
Abb. 4: Beispiel für ein GIF zum Thema Home Office (Giphy, 20.07.2021)

Im Chat oder im Video-Call können bei Slack Emojis oder Gifs verschickt werden. Im Arbeitsalltag wurde deshalb häufig Emotionen zu Unterhaltungszwecken oder aus Effizienzgründen in Form von GIFs (vgl. Abb. 3) oder Emojis (z.B. ein „Daumen-hoch“-Emoji als Symbol der Zustimmung) virtuell Ausdruck verliehen. Gerade die Verwendung von GIFs diente somit vor allem der Unterhaltung und Belustigung, weshalb sie ein Gefühl von physischer und zwischenmenschlicher Nähe erzeugten. Ebenso entstanden Konfliktsituationen im virtuellen Arbeitskontext. Die räumliche Distanz und Virtualität sorgten teils dafür, dass Kolleg*innen eher dazu bereit waren, nicht nur positive, sondern auch negative Emotionen im Chat oder Video-Call zu äußern (z.B. Abneigung gegen bestimmter Aufgaben oder offene Kritik an Kolleg*innen). In derartigen Situationen rückte der normative Charakter von Kollegialität, nämlich das „sich-gut-benehmen“ gegenüber anderen Mitarbeitenden (vgl. Bachmann 2014: 13), in den Hintergrund zu rücken. Viele gingen davon aus, dass derartige Vorfälle oder Missverständnisse vor Ort leichter gelöst werden könnten oder gar nicht erst entstehen würden.

„Video-Call-Bingo“: Grenzen & Hürden der virtuellen Kooperation

Abb. 5: Nachgestellte Grafik der Video-Call-Funktion und -Abläufe bei Slack (Lena Wolff via Canva)

„Also ne, du hast natürlich Leute, die dich ansprechen und du kannst dich dadurch stören lassen. Du musst das natürlich nicht tun. Was ich tatsächlich jetzt nicht selbst mache, aber die Notifications ausstellen und ähm…oder anzeigen einfach, dass du, durch so ein Einbahnstraßen-Zeichen oder so nach dem Motto, ‚ich arbeite gerade‘.“

-Nadja Müller, Mitarbeiterin bei Trusted Shops

Für viele Akteur*innen gingen mit der virtuellen Kommunikation auch einige Barrieren einher: Technik-Ausfälle, Mangel an technischen Fertigkeiten (bei sich selbst oder bei anderen); oder die Kolleg*innen waren nicht erreichbar und Probleme konnten aufgrund der Distanz nicht sofort gelöst werden. Svenja Tauzek zählte beispielsweise typische Komplikationen in Video-Anrufen auf:

„Dieses kleine Bingo, das man immer spielen kann am Anfang eines Calls mit den beliebtesten Sätzen ‚Siehst du mich schon?‘ ‚Siehst du meinen Bildschirm? Kannst du mich überhaupt hören? Ich höre dich aber!’“

-Svenja Tauzek, Mitarbeiterin bei Trusted Shops

Miebach spricht hier von einer „Enträumlichung“ und „Entsinnlichung“ (Miebach 2020: 43), da Akteur*innen im Home-Office nicht im Stande sind, alles wahrzunehmen, was im selben Moment bei ihren Kolleg*innen in deren Räumlichkeiten geschieht (vgl. ebd.: 43). Zudem überschnitt sich vermehrt das Privat- und Arbeitsleben der Akteur*innen: Sie befanden sich physisch in ihrem Zuhause, während sie virtuell „im Büro“ waren (vgl. Abb. 3). Aufgrund der örtlichen Trennung zu den Kolleg*innen wurden deshalb öfter Nachrichten versendet und mehr Termine vereinbart, sodass die Akteur*innen vermehrt Benachrichtigungen über Slack erhielten. Einige fühlten sich dadurch in ihrem Arbeitsalltag gestört. Während der eine sich zuhause also weniger konzentrieren konnte, begrüßte der andere die Zeit zuhause mit der Familie. Die eine arbeitete gern vom Bett aus, eine andere konnte es kaum erwarten, den Laptop nach der Arbeit aus ihrem Wohnzimmer zu verbannen. Die meisten Akteur*innen erzählten mir, dass sie im Laufe der Zeit ihren eigenen Rhythmus im Home-Office gefunden hatten und diese Arbeitsweise sogar bevorzugen würden.

Fazit: Verbunden durch Slack?

„Ich glaube, Slack hat es relativ gut geschafft, erstmal ne Brücke zu bauen für Kommunikation vor Corona auf Corona.“

-Miriam Reimann, Mitarbeiterin bei Trusted Shops

Slacks Technologie ermöglichte es, dass sich eine Kollegin im Mutterschutz spontan einem virtuellen Treffen zuschalten oder alle Mitarbeitenden am geplanten Meeting zur Quartalsplanung von zuhause aus teilnehmen konnten. Die Mitarbeiter*innen des Unternehmens versuchten während der Zeit im Home-Office, bestimmte Offline-Praktiken und -Rituale, die sie aus dem Büro gewohnt waren, in das Virtuelle zu übertragen. Ziel war es, aus Effizienzgründen, aber auch aus sozial-motivierten Gründen mit Kolleg*innen trotz der Distanz in Kontakt treten zu können. Letztendlich hat das SlackInterface den Akteur*innen zufolge geschafft, Kolleg*innen in ihrem Arbeitsalltag im Home-Office miteinander zu verbinden.

Abb. 6: Zusammenfassende Zeichnung zur Forschung Kollegialität im Home-Office (Lina Harich)

Anmerkung: Wie mir im Gespräch von Verantwortlichen erzählt wurde, plant das Unternehmen, auch in Zukunft weiterhin viele Praktiken in die virtuelle Welt zu transportieren. Es sollen hybride Kommunikationswege und Arbeitsabläufe geschaffen werden. Um das zu ermöglichen, wird Slack jedoch von Microsoft Teams ersetzt: „Das ist weniger ne Entscheidung gegen Slack als für Teams“, hieß es. Das andere Tool würde demnach mehr Funktionen bieten und interaktivere Praktiken und Abläufe ermöglichen (Svenja Tauzek, Mitarbeiterin bei Trusted Shops).

Alle Beiträge des Lehrforschungsprojekts Beyond the Black Mirror


Lena Wolff

Lena Wolff hat Mehrsprachige Kommunikation im Bachelor an der TH Köln studiert und ist seit 2020 im Master Transkulturelle Studien / Kulturanthropologie an der Universität Bonn. Innerhalb der Kulturanthropologie begeistern sie vor allem Felder wie Arbeitskulturforschung, Protest- und Szeneforschung und Phänomene der materiellen Kultur.


Quellen:

Alle Feldforschungsmaterialien (erhoben von Januar 2021 bis April 2021) wurden anonymisiert und liegen bei der Autorin.

  • Bachmann, Götz (2014): Kollegialität. Eine Ethnografie der Belegschaftskultur im Kaufhaus. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Campus Verlag (Arbeit und Alltag, 3).
  • Eggel, Ruth Dorothea (2019): Mapping Cyber-Spaces. Potentiale und Herausforderungen der Anwendung von Mental Maps als Methode in digitalen online Räumen. In: Jens Klingner, Merve Lühr (Hg.) „Forschungsdesign 4.0. Datengenerierung und Wissenstransfer in interdisziplinärer Perspektive“.
  • Lessig, Lawrence (2008): Code and Other Laws of Cyberspace. Version 2.0. 2nd ed. New York: Basic Books.
  • Markman, Kris M. (2015): Utterance Chunking in Instant Messaging: A Resource for Interaction Management. In: E. Darics (Hg.): Digital Business Discourse. London: Palgrave Macmillan UK, S. 61–79.
  • Miebach, Bernhard (2020): Digitale Transformation der Arbeitswelt. In: Bernhard Miebach (Hg.): Digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Wie KI, Social Media und Big Data unsere Lebenswelt verändern. Wiesbaden: Springer, S. 325–351.
  • Schlütter, Martin (2011): „Man simuliert ein bisschen so das Beisammensein“. Die Aneignung von internetbasierter Videotelefonie. In: Monika Elsler (Hg.): Die Aneignung von Medienkultur. Medienprodukte, Medientechnologien, Medienakteure. Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwissenschaften, S. 89–102.
  • Thiedeke, Udo (2012): Innerhalb von Außerhalb Soziologische Bemerkungen zur Medialität gesellschaftlicher Exklusionsräume. In: Gerhard Chr. Bukow, Johannes Fromme und Benjamin Jörissen (Hg.): Raum, Zeit, Medienbildung. Untersuchungen zu medialen Veränderungen unseres Verhältnisses zu Raum und Zeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (Medienbildung und Gesellschaft, 23), S. 119–133.


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