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Der Sprachassistent – oder wie ich mir eine Wanze kaufte

von | Aug 23, 2021

Sicherheitswahrnehmung und Risikoakzeptanz in den eigenen vier Wänden

Der Wecker klingelt, es ist dunkel und ich höre die Regentropfen auf das Dachfenster prasseln. Schlaftrunken, einen Schritt vor den anderen, der Start in den neuen Tag, meine Anweisungen lauten: „Ok Google, Wohnzimmer Fenster hoch! Ok Google, Terrassenfenster hoch! Ok Google, Lampe Tisch an! Ok Google, Spots Küche an! Ok Google, spiel Wake Up oder so” “Ok, ich spiele Wake Up – Für einen Auftakt in den Morgen von Spotify ab.“ Ich stehe in der Mitte meines Esszimmers und merke, dass mein Selbstexperiment vielleicht nicht ganz so verläuft wie gedacht.

31 Prozent aller Menschen in Deutschland nutzen laut einer ARD/ZDF-Onlinestudie einen Sprachassistenten. Zu den beliebtesten Modellen gehört Alexa, des Online Versandhandels Amazon, sowie das Google Nest, des gleichnamigen Technologieunternehmens. Die Sprachassistenten lassen sich, wie der Name schon andeutet, per Sprachbefehl steuern. Durch die Verbindung mit dem heimischen WLAN sind sie in der Lage smarte Geräte (Lichtschalter, Fensterläden, Heizung, Musikboxen, Kaffeemaschinen, TV-Geräte, etc.) nach Wunsch zu bedienen. Dies kann eine große Hilfe sein, etwa für ältere Menschen oder jene, mit körperlichen Beeinträchtigungen oder eingeschränkter Mobilität. Der Großteil der Nutzer*innen besteht allerdings aus Technikinteressierten im Alter zwischen 20 und 50 Jahren.

Abb. 1: Sprachassistent, (Bild: Leonie Scholten).

In den vergangenen Jahren gab es in den Medien des Öfteren Kritik an Sprachassistenten. Es kam der Vorwurf auf, dass die Daten, die durch die Sprachaufzeichnungen gesammelt werden, von den Mitarbeitern der Anbieter ausgewertet werden. Des Weiteren aktivieren sich die Sprachassistenten häufig selbst und sammeln sensible Daten, die nicht als Sprachaufzeichnungen gedacht waren. Viele Nutzer*innen von Sprachassistenten kennen diese Debatten. Durch diese Ungewissheit, wann welche Daten aufgezeichnet und wie genau sie ausgewertet werden, stehen viele Menschen den Sprachassistenten skeptisch gegenüber.

Um den alltäglichen Umgang mit einem Sprachassistenten zu erforschen habe ich mir ein Google Nest angeschafft. Es ist mit den WLAN verbunden und hat Zugang zu einigen Smart-Technologien meines Zuhauses (Licht, Rollladen, Heizung). Vor Beginn meiner Forschung war ich strikt gegen die Verwendung eines Sprachassistenten: unnötig, stromziehend und was ist mit den Daten? In meinem Freundeskreis gehen die Meinungen auseinander, man liebt es oder man hasst es – doch gibt es auch etwas zwischen schwarz und weiß? In meiner Forschung befasse ich mich mit den Akteur*innen in der Nische dazwischen: Den „reflektierten“ Nutzer*innen, die sich mit den Risiken einer möglichen Datenweitergabe auseinandergesetzt haben und ihre Geräte bewusst nutzen.

Ich habe drei qualitative Interviews mit Menschen geführt, die im Vorgespräch diese Ungewissheiten thematisierten und den Umgang mit ihren Alexas und Google Nests reflektieren. In weiteren Gesprächen wurde jedoch deutlich, wie schwierig es ist, in der Praxis alle „Regeln“ für einen „sicheren“ Umgang zu befolgen. Vorsätze für den Umgang mit den Geräten, können im Alltag nicht konsequent umgesetzt werden. Aber wie werden die Geräte, die zuvor – halb im Scherz, halb mit Nachdruck – als Wanze bezeichnet wurden, zu vielgenutzten Alltagsgegenständen?

Lass mich dir helfen!

Abb. 2: Smarthome (Bild. Leonie Scholten)

Meine drei Interviewpartner*innen haben ihre Sprachassistenten geschenkt bekommen, daraufhin folgte durch die regelmäßige Nutzung eine schrittweise Einbettung  in den Alltag. Dazu führte vor Allem die Omnipräsenz des Geräts und die zahlreichen Möglichkeiten der Verwendung:

„Ist einfach sehr praktisch, wenn man sich morgens fertig macht (…) also duschen und alles, dabei kann ich dann Musik hören und Podcast und Nachrichten (…) Also nach dem Aufstehen schalte ich den an, laut! So zum wach werden (…) und dann läuft der eben, bis ich zur Arbeit muss.“

Interviewpartner (männlich, 24 Jahre, Mitarbeiter im Content-Management)

Eine Möglichkeit für diesen Übergang vom Fremdkörper zum Mitbewohner sind die Affordanzen, die von dem Sprachassistenten ausgehen. Die Praxisaufforderungen des Sprachassistenten sind heterogen und für jede Lebenslage zu verwenden (vgl. Bareither 2019:10). Ein Sprachassistent fordert zum Beispiel dazu auf über ihn Musik abzuspielen, das Licht und die Heizung zu regulieren. Diese Affordanzen werden immer in Relation zu den Praktiken gelesen, durch die sie in die Tat umgesetzt werden, in diesem Fall durch Sprachbefehle. Außerdem werden die Affordanzen in Relation zum inkorporierten Medienwissen verstanden, da sie integraler Bestandteil dieser Praktik sind.

„Ja wie das jetzt genau technisch äh von Statten geht, weiß ich jetzt nicht (…) aber es läuft zum Beispiel, wenn man jetzt Sportify abspielt, greift das Gerät, oder verknüpft es mit dem WLAN auf das Handy zu und spielt dann auch quasi aus der Playlist was ab. Aber ich denke der Sprachbefehl wird von der Box aufgenommen und nicht vom Handy. Aber wie das jetzt genau technisch funktioniert, ist mir nicht klar“

Interviewpartner (männlich, 29 Jahre, Polizeibeamter)

Das hedonistische Kalkül der Nützlichkeit

Während eines Interviews möchte mir die Interviewpartnerin die Vorzüge ihres Sprachassistenten vorführen: „Ok Google, Fenster runter. — Ok Google, FENSTER runter! — OK GOOGLE! FESTER RUNTER!“ (Stille) Ein entschuldigendes Lächeln in meine Richtung, ein Grummeln in Richtung des zuvor noch als „kleinen Alltagserleichterer“ bezeichneten Geräts, dem Google Nest Wifi Router, Weiß. Dein Zuhause. Einfach. Verbunden. (Interviewpartnerin, weiblich, 59 Jahre, Sozialpädagogin)

Abb. 2: Meme Smart-Speaker-Nutzer*innen (Bild: Leonie Scholten)

Diese und ähnliche Situationen kenne ich aus meinem Selbstexperiment zu genüge. Ich gehe im Folgenden darauf ein, in welchen Situationen das Gerät für die Nutzer*innen so essentiell ist, dass es negative Faktoren, wie beispielsweise Fehlfunktion, ausgleicht. Hierfür greife ich auf das Modell des Wirtschaftswissenschaftlers Fred Davis zurück. Das Technologie-Akzeptanz-Modell, kurz TAM, fächert die unterschiedlichen Einflussfaktoren auf, die zur Verwendung von Technologien im Alltag führen (Davis 1985: 31f.). Zu den Haupteinflussfaktoren gehört die wahrgenommenen Nützlichkeit (Perceived Usefulness), sowie die wahrgenommene einfache Bedienbarkeit (Perceived Ease of Use), die sich auf die Nutzungsabsicht (Intention to Use) und das Nutzungsverhalten (Usage Behavior) auswirken (1985: 45f.).

„Ja also diese ganze Smarthome Geschichte mit Sprachsteuerung was Licht und Rollladen und so angeht, ist natürlich schon sehr bequem und vielleicht auch nicht unbedingt so jetzt sooo (..) ja also das muss man nicht haben, sage ich mal. Aber es gab schon viele Leute, die gesagt haben: Oh das ist aber praktisch“.

Interviewpartner (männlich, 29 Jahre, Polizeibeamter)

Davis fand heraus, dass ein Anwender eher dazu bereit ist, ein technologisches System zu nutzen, je höher der wahrgenommene Nutzen und je einfacher dessen Bedienbarkeit empfunden wird (ebd. S. 45f.).

„Ich habe Freunde die sich etwas besser auskennen und die sagen: ‚Niemals hol ich mir so ein Ding!‘ Ich find das auch richtig dämlich, wenn Leute so sagen: „Ich habe ja nix zu verbergen, also falls jemand mithört.“ Mich nervts dann eher, dass so die Gesellschaft immer fauler wird und nix mehr macht und dann mit dem Ding redet und das dann für die halt einkauft und keine Ahnung was halt so alles geht – ist eigentlich super unnötig (lacht) aber man hats halt trotzdem“.

Interviewpartner (männlich, 24 Jahre, Mitarbeiter im Content-Management)

Accept what you cannot change – or don’t want to change

Abb. 3: Moderner Umgang mit Alexa
(Bildidee: Jenny Janßen)

Einer meiner Interviewpartner*innen berichtet über den Zusammenhang zwischen den Gesprächen in der eigenen Wohnung und der ihm daraufhin vorgeschlagenen Werbung auf Facebook. „Und eine Sache war, dass man halt mal über die Rockerszene gesprochen hat, […] man hat ja mit diesen Themen eigentlich nicht so viel zu tun, aber trotzdem hat man am nächsten Tag dann Werbung im Sinne von Facebook Freundschaften angezeigt bekommen“ (Interviewpartner männlich, 29 Jahre, Polizeibeamter).

Die Rolle des Maulwurfs fiel in der Schlussfolgerung auf den Sprachassistenten und als Reaktion wurde das Gerät temporär nicht mehr genutzt: „Und dann hat man sich wieder dazu entschlossen, dass es ja doch ganz praktisch mit der Musik, dann hat man wieder die Musik angemacht.“ Die wahrgenommene Nützlichkeit löst die Skepsis ab. Es kommt zu einem Tradeoff zwischen dem Nutzen und den damit einhergehenden möglichen Risiken, so der Sozialwissenschaftler C. Starr, der sich im Besonderen auf die sozialen Aspekte der Risikoforschung fokussieret (1993: 15). Dieses Einverständnis beschreibt Starr mit dem Begriff der Risikoakzeptanz. Das Akzeptanzverständnis ist folgendermaßen zu sehen: „Akzeptanz ist die Verknüpfung einer inneren rationalen Begutachtung und Erwartungsbildung (Einstellungsebene), einer Übernahme der Nutzungsinnovation (Handlungsebene) und einer freiwilligen problemorientierten Nutzung (Nutzungsebene)“ (Derby/Keeney 1993: 45f.). Besonders die freiwillige Nutzung ist von großer Bedeutung, denn die Bereitschaft, ein freiwilliges Risiko zu akzeptieren, ist ca. 1000-mal größer als die Bereitschaft, ein unfreiwilliges Risiko einzugehen, so Starr (vgl. 1993: 5). Hinzu kommen soziale und kognitive Einflussfaktoren als Determinanten der Akzeptanz.

Zu den sozialen Einflussfaktoren zählen die Subjektive Norm und das Image der Nutzung (vgl. Ventakesh/ Davis 2000: 193f.). Zwei meiner Interviewpartner*innen berichten das Gerät abzuschalten, wenn sie Besuch bekommen. Beide nutzen ihr Gerät ausschließlich in einem Raum, der ihnen das Gefühl eines „öffentlichen“ Raums vermittelt (Esszimmer, Badezimmer) und nicht in einem als privat angesehenen Raum (Schlafzimmer). Die Balance und Gewichtung der Risikoeinschätzung bleibt ambivalent und oszilliert zwischen dem, was man gerne tun würde und dem, was man tatsächlich tut. Auch meine eigene Herangehensweise an das Selbstexperiment,  als Sprachassistenten Nutzerin mit festen Regeln, lief anders als von mir erwartet. Meine selbst auferlegten Regulierungen sind stark an moralische Vorstellung der Nutzung von Technik gebunden. Der Mensch steuert die Technik, nicht umgekehrt. Aus diesem Grund lege ich zu Beginn fest, dass mein Google Nest regelmäßig ausgesteckt werden soll, um eine Privatsphäre einzuhalten.

Don’t touch the invisible

Im Verlauf meiner Forschung hat sich der Sprachassistent in meinem Alltag zu einer allgegenwärtigen und gleichzeitig unsichtbaren Konstante entwickelt. “As technology becomes more imbedded and invisible, it calms our lives by removing the annoyances. The most profound technologies are those that disappear. They weave themselves into the fabric of everyday life until they are indistinguishable from it” (Weiser 1991:95). Durch die Vernetzung des Sprachassistenten mit den vielen heterogenen Praktiken in meinem Zuhause wird der private Raum nach außen geöffnet. Einfache Praktiken, wie das Licht über einen Lichtschalter zu bedienen, werden durch die Kommunikation mit dem Gerät ersetzt. Die Technologie verschwindet im Alltagsgefüge und wird von mir und meinen Interviewpartner*innen nach einiger Zeit gar nicht mehr als solche wahrgenommen. Auch wenn negative Schlagzeilen und eigene Erfahrungen von Zeit zu Zeit ins Gedächtnis rufen, dass mit dem Gebrauch der Smartspeaker ein gewisses Risiko einhergeht, wird dies durch den Faktor der Nützlichkeit ausgeglichen. Die Affordanzen der einzelnen Geräte, fordern dazu auf das Gerät in den Alltag zu integrieren. Denn nur durch die allumfassende Nutzung kann ihr gesamtes modernes und smartes Potential entfalten werden. Weder ich noch meine Interviewpartner*innen schaffen es die „Regeln“ die wir uns in der Theorie aufgestellt haben auch in den tatsächlichen Handlungen Folge zu leisten. Möglicherweise liegt es daran, dass ein Mensch, der immer wieder aufstehen und den Sprachassistenten ein- und ausstecken kann, auch gleich selbst den Lichtschalter bedient und somit keinen technischen Helfer braucht. 


Leonie Scholten

Studiert im zweiten Semester den Master „Transkulturelle Studien/ Kulturanthropologie“ mit dem Schwerpunkt der Museumsstudien an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Ihr Forschungsinteresse an der digitalen Anthropologie wurde vor Allem durch die Möglichkeiten der Forschung trotz Pandemie bedingter Einschränkungen geweckt. Durch die schier endlosen Perspektiven plant sie diese besondere Art der Forschung auch in zukünftige Arbeiten mit einzubeziehen.


Quellen:

Alle Feldforschungsmaterialien wurden anonymisiert und liegen bei der Autorin.

  • Beck, Stefan (1997): Umgang mit Technik: Kulturelle Praxen und kulturwissenschaftliche Forschungskonzepte. Berlin. Akademie Verlag.
  • Davis, Fred (1985): A technology acceptance model for empirically testing new end-user information systems – theory and results. PhD thesis. Massachusetts Inst. of Technology.
  • Derby, S.L./Keeney, R.L. (1993): Risk Analysis. Understanding „How safe is safe enough?“. In: Glickman, Theodore S./Gough, Michael (Hg.): Readings in Risk. 3. Ed. Washington, Resources of the Future. 1993. S. 43-49.
  • Gibson, James (1986 [1979]): The Ecological Approach to Visual Perception. New Jersey.
  • Madianou, Mirca/ Miller, Daniel (2012): Polymedia. Towards a New Theory of Digital Media in Interpersonal Communication. International Journal of Cultural Studies 16/2: S.169-87.
  • Starr, C. (1993): Sozialer Nutzen versus technisches Risiko. In: Bechmann, Gotthard (Hg.): Risiko und Gesellschaft. Grundlagen und Ergebnisse interdisziplinärer Risikoforschung. Opladen, Westdeutscher Verlag: S.3-24.
  • Weiser, Mark (1991): The Computer for the 21st century, in: Scientific American 265, H. 3, S. 94- 104.

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