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Die demokratisierenden Potentiale des Internets wurden insbesondere in der Frühphase der Nutzung digitaler Medien betont. Dem Internet wurden eine neue Qualität der Vernetzung sowie bessere Möglichkeiten von Kollaboration und Partizipation zugeschrieben, die sich unter anderem in der Wirkmächtigkeit sozialer Bewegungen zeigten. Howard Rheingold beschrieb die Effekte spontan kollaborierender Smart Mobs, und Manuel Castells stellte die These auf, Netzwerke und digitale Technologien spielten eine entscheidende Rolle bei der Entstehung neuer Formen von Politik, Kultur und Gesellschaft. Gegenstimmen sahen die Nutzung digitaler Medien kritischer: Joseph Weizenbaum sah in einem zu großem Vertrauen in computergestützte Entscheidungsprozeduren eine Gefahr für das politische Handeln. Jaron Lanier bezeichnete Schwarmintelligenz als Ausdruck von Durchschnittsmeinungen und das Handeln der Massen in der Onlinewelt als „digitale Barbarei“; die Open-Source-Bewegung deutete er als Form der Ausbeutung. Alexander Galloway, Eugene Thacker und auch andere Forscher verwiesen schließlich auf die Vermachtung digitaler Infrastrukturen und die Gefahren durch Datamining, Überwachung, Zensur und Steuerungsversuchen sowohl seitens staatlicher Organe als auch durch die Kommerzialisierung des web 2.0, manifest etwa in der Macht von Quasimonopolisten wie Google oder Facebook.
Von diesen kontroversen Potentialen ausgehend soll auf der Tagung die Frage nach dem Politischen im Digitalen neu gestellt werden. Das Politische begreifen wir in diesem Kontext angelehnt an Ulrich Bröckling und Robert Feustel als gesellschaftliche Aushandlungsprozesse über Verfahrensweisen und Normen, die durch die Elemente des Dissenses, des Widerstreits, des Ereignisses und der Unterbrechung geprägt sind. Folgende drei Themenfelder sollen im Focus der Tagung stehen:

1. Digitale Praxen und Aktivismus
Zum einen soll der Zusammenhang zwischen Entstehungsprozessen, Organisations- und Protestformen von Bewegungen und der Nutzung digitaler Medien beleuchtet werden. Diese scheint eine Reduktion notwendiger Ressourcen zu bedingen, sei es bezüglich der für Proteste notwendigen Mitgliederzahl, sei es hinsichtlich materieller Voraussetzungen oder der Notwendigkeit einer Organisationsstruktur. Verleihen digitale Organisationsformen also marginalisierten Gruppen eine Stimme – beispielsweise Frauen, denen Online-Medien aufgrund traditionaler Rollenbilder und fehlender Care-Infrastrukturen oft erst politische Partizipation ermöglichen? Auf der anderen Seite scheint Online-Aktivismus mit geringerem Identifikationsgrad und höherer Fluidität einherzugehen – wie wirkt sich dies auf die Beziehungen zwischen den Aktivist*innen und die Herausbildung einer gemeinsamen Identität aus? Angesichts der Erfolge von onlinebasierten Kampagnen, Hackerkollektiven und Whistleblowern und auf der anderen Seite der Skepsis gegenüber der Nachhaltigkeit von online-Aktivismus kann gefragt werden, welche Potentiale und Problematiken mit dem Einsatz von Flashmobs, Online-Petitionen oder Hacktivismus verbunden sind.
Zudem ist die Beziehung zwischen den Eigenschaften digitaler Infrastrukturen und bewegungsinternen Diskurse und Praxen in den Blick zu nehmen. Inwieweit formen Netzwerktechniken Engagement bzw. inwiefern geben in die neuen Medien eingeschriebene Architekturen einen Rahmen des Protestes vor? Welchen Einfluss haben etwaige inhärente Medieneigenschaften bzw. diesbezügliche Zuschreibungen auf die Art und Weise der Nutzung für Protestorganisation und -durchführung? Inwiefern ist eine Aneignung digitaler Infrastrukturen möglich, durch die diese von den Aktivist*innen produktiv genutzt werden können, eventuell auch entgegen intendierter Nutzungsweisen, Programmarchitekturen und Algorithmen? Auch die potentiellen Auswirkungen auf Gruppendynamiken und Deutungsmacht innerhalb von Bewegungen sind zu untersuchen. Werden Hierarchien transzendiert oder kulturelle Konventionen, Normen und Praktiken reproduziert? Wie durchdringen sich Mediennutzung und bewegungsinterne Normen z.B. der Horizontalität?

2. Diskursivierung und Konstituierung von Öffentlichkeiten
Das automatisierte Sortieren, Klassifizieren und Hierarchisieren von Information, die algorithmic culture (Ted Striphas), bringt neue kognitive und handlungspraktische Habitualisierungen hervor. Wie wird die Wahrnehmung des Politischen (re)konfiguriert (z.B. die Etablierung von Normen wie transparency, sharing)?
Gefahren der Manipulation und Ausbeutung der User durch Social Networks steht das Potential alternativer Informationsportale gegenüber. Wie werden, etwa durch die Personalisierung von Webinhalten und die Dominanz bestimmter Diensteanbieter, Meinungsbildungsprozesse beeinflusst? Welche (ungeplanten) Dynamiken der Herausbildung von Deutungsmacht entstehen durch den Informationsfluss in sozialen Netzwerken, Foren und Blogs?
In Anbetracht der Gestaltung von verfügbarem Alltagswissen mittels Algorithmen, etwa bei Google, kann gefragt werden, inwiefern die politische Wissens- und Willensbildung kanalisiert verläuft und inwiefern es zu Konformisierungen kommt. Ist Informiertheit nur noch im Sinne einer normierten Meinung zu denken? In welchem Verhältnis stehen Normierungs- und Pluralisierungstendenzen, Teil – und Gegenöffentlichkeiten?

3. Partizipation und Teilhabe
Zu fragen ist in diesem Zusammenhang nach den potentiellen Auswirkungen der Nutzung digitaler Medien auf die Art und Weise der politischen Teilhabe von Bürgern. Welche Rolle spielen freie Software, der Zugang zu Wissen und alternative Plattformen/Medien? In welcher Form ist fluide Demokratie möglich? Inwiefern sind digitalen Infrastrukturen Mechanismen der Inklusion vs. Exklusion eingeschrieben (Stichwort: digital divide), und inwieweit können sie durch soziale Praktiken angeeignet werden? Wie ist die Nutzung digitaler Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten mit Kategorien wie Gender verschränkt?
Auch der Begriff des politischen Handelns bedarf im Kontext der Digitalisierung einer neuen Reflexion. Dabei stellt sich insbesondere die Frage nach der Möglichkeit politischen Handelns. Bedeutet dieses die digitalisierte Form des Konsums von Information und Wissen oder die Nutzung im Sinne digitaler Kulturtechniken als gestalterisches, die zugrundeliegenden Strukturen begreifendes Bedienen und damit eine Aneignung und einen subversiven Gebrauch digitaler Infrastrukturen? Kommt es in diesem Zusammenhang zur Herausbildung einer „Elite“ der Hacker*innen bzw. politisch Handlungsmächtigen, denen passive Konsument*innen der Bedienoberfläche des web 2.0 gegenüberstehen?
Die Tagung möchte die genannten Themenfelder in einem internationalen und interdisziplinären Austausch miteinander in Beziehung setzen und dadurch zu einer fachlichen Debatte beitragen, die für den Kontext der politischen Dimension des Digitalen relevante Begriffe, Annahmen und Theorien einer Reflexion unterzieht.

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