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Bericht zur 5. internationalen und interdisziplinären Arbeitstagung der Kommission „Digitalisierung im Alltag“ in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde: „(H)ackivismus und Partizipation? Zur politischen Dimension des Digitalen“ (29.09.-01.10.2016, Marburg)

An der Tagung nahmen etwa 50 Wissenschaftler*innen aus Deutschland, Österreich, den USA und Großbritannien teil. Vertreten waren die Disziplinen Europäische Ethnologie/Volkskunde, Soziologie, Philosophie und Medienwissenschaft. Die vielfältigen Themen und Vorträge eröffneten reichhaltige Diskussions-und Anschlussmöglichkeiten.

Nach Grußworten von Antje van Elsbergen (Marburg) im Namen des Instituts für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Universität Marburg beleuchtete Marion Näser-Lather (Marburg) in ihrem Einführungsvortrag unterschiedliche Facetten der kontroversen Diskursivierung der Rolle digitaler Medien für Protest und politisches Handeln. Sie diskutierte die Möglichkeit widerständiger Praktiken und der Herausbildung von politischer Urteilskraft im Rahmen der Nutzung kommerzieller Medieninfrastrukturen, die Frage der Ermächtigung von Aktivist*innen durch Online-Kommunikation, deren potentielle Auswirkungen auf Bewegungen und die Rolle des Körpers für politische Vergemeinschaftung.

Christopher Kelty (Los Angeles) diskutierte in seiner Keynote zum Thema “Hacking, Leaking, Breaching: Participation as experience, as risk, and as sabotage” „Hacking“ als „Form der politischen Partizipation, die auf Systeme gerichtet ist, die politische Partizipation einschränken oder ermöglichen.“ Dass die euphorische Verwendung des Begriffs „Hacken“ zu kurz greift, verdeutlichte Kelty anhand der Vielschichtigkeit von Partizipation. Politische Partizipation habe sich zur Kooptation entwickelt. Kelty beschrieb Entwicklungen innerhalb von Hacker-Bewegungen: zum einen die Verschiebung zur Kooptation, indem Hackerwissen (medial) verfügbar gemacht wird, zum anderen Forderungen nach einer stärkeren politischen und ethischen Regelgeleitetheit des Hackens und nach Institutionalisierung, die wiederum die Kritik nach sich zögen, der Kooptation zu unterliegen. In der Diskussion wurde gefragt, ob Hacken unverändert eine Bewegung „von unten“ sei oder parallel dazu „von oben“ Kontrolle und Kommerzialisierung erfolge.

In der Session 1: Surveillance and Control analysierte Barbara Frischling (Graz) im Vortrag „KÖRPER_WISSEN_MACHT. Digitale Tracking-Technologien im Alltag. Überwachung und Selbstoptimierung oder Empowerment durch „mindfulness“? Selbstaussagen von Nutzer*innen. Meßwerte verhälfen zu Selbstkontrolle und –überwachung sowie Empowerment durch ein wachsendes, objektiviertes Körperbewusstsein. „Tracking“ weise zudem eine politische Dimension auf im Sinne einer Selbstkonstituierung. Die Objektivierung des Körpers zeitige andererseits die Gefahr einer Verschiebung der Selbstwahrnehmung, indem Wohlempfinden durch Zahlen und nicht über das subjektive Empfinden gemessen werde. Oliver Leisterts (Lüneburg) Beitrag “Protest and Machines: Algorithmic Intrusion On Street Action“ widmete sich dem wachsenden Einfluss digitaler Technologien in der Protestkultur. Er zeigte die Ambivalenzen der Nutzung sozialer Netzwerke durch Aktivist*innen auf. So trüge Facebook zwar zur Kollektivbildung bei, ziele jedoch andererseits auf das Individuum und hebele kollektive Entscheidungsprozesse aus. Eine Gefahr gehe zudem von Bots aus, die Diskussionen unterwandern, stören oder gar eigene Fakeproteste starteten. Ein Problem sei das Vertrauen der User*innen gegenüber Plattformen und Algorithmen, die von Hackern in schädlicher Weise genutzt werden können. Carsten Ochs (Kassel) zeigte im Vortrag “Democracy in the Privacy Arena? Negotiating the Constitution of the Digitized World” die Zusammenhänge zwischen Diskursen um Privacy und politischen Strategien auf. Im Zuge der NSA-Affäre wurde das Vertrauen der User*innen auf Privacy erschüttert. Privacy werde nun als Problem wahrgenommen, um das sich „Aushandlungsarenen“ aufspannten, in denen die Verfasstheit der digitalen Welt verhandelt werde. Anhand des „nationalen Routings“ als ein Beispiel der Diskurse in der Privacy Arena, zeigte Ochs vier (Post-) demokratische Dimensionen auf: den demokratischen Protektionismus, den demokratischen Konstitutionalismus, den demokratischen Experimentalismus und die Postdemokratie. 

Marion Hamm (Klagenfurt) stellte in ihrem Plenarvortrag „Between ‘Hacktivism’ and Participation: Cultural Perspectives on the Politics of Digital Communication“ die Geschichte des Hacktivismus dar. Sie ging auf die Hackerethik, die Widersprüche zwischen Selbst- und Fremdbild von Hacker*innen und den Hacktivismus als aktivistische Praxis ein. Hamm kontrastierte Hacktivismus als autonome, unkonventionelle und humorvolle kreative Praxis und Partizipation als institutionalisiertes, konventionelles politisches Handeln von Bürger*innen, und fragte, ob Hacktivismus als aktivistische Praxis noch praktikabel sei, oder aufgrund der politischen Bedingungen andere Aktionsformen erforderlich seien. In einer erweiterten Anwendung des Hacktivismus-Begriffs beschrieb Hamm Social hacking und reality hacking als Fälle, in denen die „hacker attitude“ (genious – simple – quick- beautiful) eingesetzt wird, ohne dass es sich um coding handelte. Hamm warf zum Schluss die Frage auf, ob das Konzept des Hacking als analytische Kategorie betrachtet werden könne. In der Diskussion wurde die Frage nach den Unterschieden zwischen Hacktivismus und Praktiken der Aneignung gestellt.

Die Session 2: Citizenship and Participation wurde eröffnet durch Wolfgang Sützls (Athens/Ohio) Beitrag „Teilen und Teilnehmen. Über das politische im digitalen Medium“. Sützl erörterte im Zusammenhang mit der Praxis des sharings im digitalen Raum die Frage, ob Teilen mit Teilnahme gleichzusetzen sei. Im Anschluss an Walter Benjamin, Roland Barthes und Jaques Derrida diskutierte er Teilhabe an Medien als Chance zur Emanzipation. Das im web 2.0 für alle mögliche Teilen, Empfangen und Bewerten medialer Inhalte bedeute jedoch nicht zwangsläufig Teilhabe. Sützl verwies auf den Unterschied zwischen aktiver politischer Teilhabe im Rahmen einer Gemeinschaft und der Teilhabe an Diskursen innerhalb restriktiver kommerzieller digitaler Räume wie Facebook oder Youtube (Aktivismus ohne das Verlassen des medialen Raums). Clemens Apprich (Lüneburg) argumentierte in seinem Beitrag „„Yes, I’m paranoid – but am I paranoid enough?” Digital Media between Participation, Publicity, and Paranoia“, Publizität und ständige Aktivität im digitalen Raum verursachten eine Art Paranoia bei den Nutzer*innen. Durch die Datenmasse einer zunehmend vernetzten Gesellschaft stelle sich die Frage nach der Möglichkeit politischer Partizipation neu. Zwar sei Teilhabe durch digitale Medien möglich, jedoch unterliege die digitale Gemeinschaft einer Fragmentierung in Teil-Öffentlichkeiten, die keine vollkommene Partizipation ermögliche, durch (ökonomisch motivierte) Interessen oder Restriktionen seitens der digitalen Plattformen selbst. Urmila Goel (Berlin) stellte mit dem Vortrag „Lost in the Feed“ die Entwicklung des Portals InderNet.de dar. Im Jahr 2000 gegründet, war es die größte und wichtigste Internetseite für indischstämmige Menschen im deutschsprachigen Europa. Mit dem Siegeszug der sozialen Netzwerke wurde die Seite auf Facebook verlagert. Die enge Bindung der User*innen untereinander verlor dadurch an Relevanz, da das Angebot zu einer Community von Unzähligen wurde. Im Plenum kam die These auf, im Gegensatz zum „freien“ Internet 1.0 sei Interaktion auf persönlichem Level und damit basisdemokratischen Teilhabe im durch restriktive Mechanismen gekennzeichneten Internet 2.0 kaum machbar.

Im Workshop „Science meets activists“ berichtete die Aktivistin Fiona Krakenbürger über das Projekt open knowledge lab, das unterschiedliche Anwendungen zur Ermächtigung von Bürger*innen beinhaltet (offene Daten, Transparenz, Beteiligung). Dabei arbeitet das open knowledge lab auch mit Institutionen und der Politik zusammen (frag-den-staat: Ausbau von Bürgerbeteiligung). In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, was Offenheit im Kontext von open data bedeute und ob eine solche auch wirklich immer wünschenswert sei. Eva Provedel, Mitglied der italienischen Frauenbewegung Se Non Ora Quando, stellte die Nutzung digitaler Medien durch die Bewegung dar, verwies aber auch auf die Unverzichtbarkeit direkter face-to-face Interaktion für Protestpraktiken sowie für interne Kommunikations- und Entscheidungsprozesse, um einen genau definierten Rahmen für Entscheidungen herzustellen und zu garantieren, dass an ihnen nur diejenigen partizipieren, die sich für die Bewegung engagieren. Sie schilderte zudem Erfahrungen mit den sozialen Medien Google Groups und der Plattform Ning. Auf Dauer habe sich aufgrund der Verbreitung und der damit verbundenen Nutzungskompetenz von Facebook dieses Medium innerhalb der Bewegung durchgesetzt 

Die Session 3, Discourses and Practices of (H)acktivism, begann mit Joss Hands´ (Newcastle) Beitrag “Doing Things with Things: Gadgets and the Thingification of Activism”, der das Verhältnis zwischen digitalen Kommunikationstechnologien, gadgets, und ihren Nutzern im Kontext von Aktivismus erörtere. Mit Bezug auf Martin Heidegger argumentierte Hands, dass ein Freisein von einem technologischen Imperativ, der zur Maximierung von Effizienz dränge, gegeben sein müsse, damit Aktivismus funktionieren könne. Im Anschluss an Heidegger stellte Hands dar, dass das Handeln mit den Dingen Vergemeinschaftung herstellen könne. Marija Martinović (Graz) stellte im Vortrag “Video Activism as a Performative Political Practice of the Women’s Movement in Postsocialist Serbia” den Video Aktivismus der serbischen Frauenbewegung Women in Black als Beispiel für hacktivistische Praktiken vor. Der Video Aktivismus könne als eine Form von Promotion der offline Aktivitäten verstanden werden. Statt direkter Agitation hälfen ästhetische Mittel und Narrative, die Alltagserfahrungen in eine politische Sphäre zu transportieren und neue Subjektivitäten zu schaffen. Ove Sutter (Bonn) berichtete in seinem Beitrag “Emotionalizing Space: Connections between Online and Offline Activism of Volunteers for Refugees” über die Hilfsaktion Freiwilliger für auf einem deutschen Bahnhof gestrandete Flüchtlinge. Die Freiwilligen hätten die Bahnhofshalle umgestaltet; die dadurch zustande kommende Emotionalisierung des Raumes gehe sowohl von den offline-Praktiken vor Ort, als auch von online-Praktiken via Facebook und anderer Netzwerke aus, und bringe emotionalisierende Momente und Symbole in politischen Debatten seitens der Aktivist*innen hervor. 

In der Session 4, Web communities, analysierte Gertraud Koch (Hamburg) im Vortrag „Augmented Realities of Protest“ anhand der Gefahrengebiete Proteste in Hamburg die Durchdringung von online- und offline-Protesträumen. Im Anschluss an Lev Manowich schilderte Koch die Nutzung des urbanen Raums für das Protesthandeln als Augmented reality, als Anreicherung von Oberflächen durch Symbole und Informationen. Social Media würden zur Ressource für Erzeugung und Verbreitung kollektiver Imaginationen des Protests, sie fungierten als Interfaces zur aktivistischen Beteiligung, wodurch Protestdynamiken befördert werden. Roman Knipping-Sorokin (Hamburg) sprach zu „Radikalisierung Jugendlicher über das Internet?“ anhand von unterschiedlichen Internetseiten, Foren und Merchandise-Produktanbietern der rechten Szene. In diesem Zusammenhang diskutierte er das Phänomen der Filterbubbles in interaktiven Foren. Im Plenum wurde die Frage nach dem ethisch-methodischen Vorgehen gestellt, und die Möglichkeit der Einbeziehung geheimdienstlicher Quellen diskutiert. Susanne Maurer (Marburg) analysierte „(Politische) Bildung im Netz? Schwierigkeiten und besondere Potentiale der Entwicklung kritischen Urteilsvermögens im World Wide Web“ aus philosophischer und bildungstheoretischer Sicht. Dabei warf sie die Frage auf, wie unter den digitalen Vorzeichen einzelne, kollektive und vernetzte politische Subjekte vorgestellt werden können und wie sie Urteilskraft bilden können. Sie verwies in diesem Kontext kritisch auf ein „überfließen von Subjektivität“, das auch in feministischen Blogs vorfindbar sei, etwa, wenn Problematiken wie strukturelle Diskriminierung auf das Persönliche reduziert würden.

In einer Abschlussdiskussion ließen die Diskutant*innen Gertraud Koch (Hamburg), Klaus Schönberger (Klagenfurt) und Bernd Jürgen Warneken (Tübingen) gemeinsam mit dem Plenum die Konferenz Revue passieren. Als Stärke kulturwissenschaftlicher Zugänge zum Thema wurde die Fokussierung auf die User*innen, ihre Alltagserfahrungen und potentiell subversive Praktiken herausgestellt, von denen ausgehend Dynamiken und Veränderungen der Medien(nutzung) analysiert werden könnten. Betont wurde allerdings auch der Mehrwert eines Austausches mit medienwissenschaftlichen und soziologischen Perspektiven, unter anderem, da die Kulturwissenschaft sich bei der Analyse von Facebook, Twitter etc. methodisch durch diese Disziplinen inspirieren lassen könne. Zudem wurde ausgehend von der Notwendigkeit der Miteinbeziehung von Medialität bei der Untersuchung von politischer Partizipation und Widerstand kontrovers diskutiert, ob die Nutzung neuer Medien politischen Aktivismus fördert, durch leichtere Vernetzung und Kommunikation, oder behindert, da die neue Medienwelt Restriktionen und undemokratische strukturelle Hindernisse beinhaltet. 

Die Tagung hat sich als inhaltlich überaus ertragreich erwiesen, indem die kulturwissenschaftlich-volkskundliche Diskussion um die Bedeutung des Digitalen für Aktivismus und politische Willensbildung um interdisziplinäre Perspektiven bereichert und neue inhaltliche und methodische Perspektiven eröffnet wurden. 

 

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