Rückblick auf die Tagung «EMBEDDED DIGITALITIES», 5.-7.4.2018, Basel

«EMBEDDED DIGITALITIES», 5.-7.4.2018, Basel

Die 6. Kommissionstagung der DGV-Kommission Digitalisierung im Alltag «Embedded Digitalities» fand am 5.-7.4.2018 in Basel in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde (SGV) satt. Organisatorinnen waren Ina Dietzsch und Sabine Eggmann. 

Der Tagungsbericht ist auf der Webseite der SGV Sektion Basel zu entnehmen.

Die Tagung nahm die Beobachtung zum Ausgangspunkt, dass aktuell Forschende in allen gegenwärtig relevanten kulturwissenschaftlich/-anthropologischen Forschungsfeldern mit digitalen Phänomenen, Prozessen oder Infrastrukturen konfrontiert sind und die Digitalisierungsforschung aus der Nische einer Subdisziplin heraustritt. Mit dem zentralen Fokus der Tagung 2018 auf das Thema «Einbettungen» machten die Organisatorinnen diese Entwicklung explizit zum Thema. Das Digitale wurde als eine relationale Konstruktion in den Blick genommen und es wurde gezielt nach den verschiedenen Weisen gefragt, in denen digitale Medien, Technologien, Ideologien, Infrastrukturen etc. eingebunden sind.

 
 Stimmen teilnehmender Studierender an der Tagung

„ … Das sogenannte Digitale Zeitalter ist hier und jetzt, es rüttelt uns auf, bahnt neue Wege, verändert Wahrnehmungen und hält uns noch immer fest im Griff. Umso schwieriger, aber auch umso relevanter ist es, diese Prozesse aus kulturanthropologischer Sicht zu verstehen, zu kontextualisieren und miteinander in Beziehung zu setzen. Dies setzte sich die Tagung Embedded Digitalities zum Ziel und lud dazu eine Reihe von Fachexpert_innen ein, die das Thema von Cryptology bis Emoji von allen Seiten beleuchteten. … “ (Lucia Chen)

„ … Die vielfältigen Arten und Weisen in denen Digitalität heute in unseren Alltag eingebettet ist und wird, stellten den thematischen Rahmen der Tagung Embedded Digitalities her. Unter dieser Perspektive vereinten sich nicht nur Angehörige des Fachbereichs Kulturwissenschaft / Ethnologie, sondern auch Vertreter der Informatik und weiterer Disziplinen wie zum Beispiel der Kunstgeschichte. Insgesamt 27 Referenten und Referentinnen präsentierten im Kontext der ‘eingebetteten Digitalitäten’ den ungefähr 80 Teilnehmenden ihre Überlegungen, Forschungsergebnisse, Erkenntnisse und Einblicke in laufende Forschungsprojekte. …“ (Byron Dowse) 

„ … Die Konferenz befasste sich damit, dass aufgrund der Omnipräsenz von Digitalität im Alltag digitale Phänomene zu einer Hauptangelegenheit kulturanthropologischer Forschung werden. Neben generellen Fragen zur Beziehung kulturwissenschaftlicher Analysen und dem ‚Digitalen‘ befasste sich die Tagung mit den Themenbereichen: digitaler Kapitalismus, digitale Praktiken und neuen Ordnungsweisen von Wissen. Die unterschiedlichen Keynote Vorträge beleuchteten alltägliche Aspekte der Digitalität aus den Wissensgebieten der Informatik, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft, womit die Reichhaltigkeit interdisziplinärer Blickwinkel ins Zentrum gestellt wurde. …“ (Silvia Müri)

 

„Zusammenfassend bot die diesjährige Arbeitstagung zum Thema Embedded Digitalitiesder Kommission „Digitalisierung im Alltag“ der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) eine ausgewogene Mischung an Forschungsfragen und -schwerpunkten, die durch die anregenden Beiträge und Diskussionsrunden vertieft werden konnten. Ziel der Tagung war es zudem, diese insbesondere durch den wissenschaftlichen Nachwuchs entwickelten Forschungsperspektiven zu versammeln, einen Überblick über die Fragestellungen und Gegenstände zu gewinnen sowie die Forschenden im Bereich der Digitalisierung im Alltag zu vernetzen. In vielen Beiträgen wurde ersichtlich, dass digitalen Praktiken unterschiedlichster Art und Ausprägung bereits fest in unser Alltagshandeln eingebettet sind und eine neue Möglichkeit der Interaktion und Kommunikation zwischen Menschen etabliert haben. Sei es, wie im Vortrag von MARION NÄSER-LATHER im Falle der italienischen Frauenrechtsbewegung, die sich auf Kommunikationsplattformen im Internet organisiert oder aber ganz anders durch digitale und steuerbare Avatare, wie beispielsweise CHRISTOPH BAREITHER erläuterte. Dass diese digitalen Neuerungen insbesondere für die Geisteswissenschaften noch Berührungsängste hervorrufen, konnten u. a. WOLFGANG COY und ENRICO NATALE bildhaft darstellen. Die Tagung in Basel nahm, gespickt mit vielen neuen Ideen, Impulsen und weiterzudenkenden Forschungsfragen, am 07.04.2018 ihr Ende und man hofft auf eine baldige Anknüpfung, denn die Thematik der Digitalität wird, nicht nur in den Geisteswissenschaften, ganz sicher immer wieder neue Herausforderungen und Fragen aufwerfen.“ (Marianne Kupetz)

Inge Hinterwaldner

Vortrag Dr. Inge Hinterwaldner (Berlin) (C) Byron Dowse

„Über die drei Konferenztage hinweg gab es eine Kunstperformance von Raeuber und Stehler. Die Tagungsteilnehmenden wurden aufgefordert, Objekte aus ihrem Alltag mitzubringen, die die Kunstschaffenden gehackt und dabei miteinander verbunden haben.“ (Silvia Müri)

„ … Am Beispiel des Smartphones und der damit einhergehenden Veränderungen kultureller Praktiken verweist Gertraud Koch (Hamburg) darauf, wie essentiell es ist, dass das ‚Materielle‘ zuruck in den Diskurs uber das ‚Digitale‘ gebracht werden muss. Unter digitalen Praktiken versteht Gertraud Koch den Umgang mit Daten. Daten seien mehr als Nullen und Einsen. Daten sind nicht gegeben, sondern konstruiert. Was machen Menschen mit Daten? Das Phänomen des ‚Quantifizierten Selbst‘ sei nur die Spitze des Eisbergs. Unter dem Stichwort ‚Vergesellschaftung der Daten‘ musse mehr nach der alltäglichen Relevanz von Daten gefragt werden. … “ (Silvia Müri)

„ … Denn, so ermahnte WOLFGANG COY in seinem darauf folgenden Beitrag, es gelte, die Benutzung des Begriffs eher kontrovers zu diskutieren. Der Begriff ‘Digitalität’ bietet viel Interpretationsspielraum, alleine sogenannte ‘Buzzwords’ seien oft nicht einfach zu verstehen, da sie von PR und Medien zu schnell und zu unreflektiert aufgegriffen und (ab-)genutzt werden. COY statuierte, dass Worte wie ‘machine learning’, ‘Big Data’ oder ‘digitale Netzwerke’ oftmals von Journalisten und Journalistinnen schlagzeilentauglich kreiert werden, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen jedoch diese ganz anders benennen würden. Durch die Schnelligkeit der medialen Verbreitung jener Buzzwords kommt es daher zu einer (manchmal unkorrekten) Einnistung im Alltagsverständnis, das wiederum zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu Miss- oder Unverständnis führe.“ (Marianne Kupetz)

Höhrsaal mit Kunstinstallation

Höhrsaal Alte Universität mit Kunstinstallation von RAEUBER & STEHLER (C) Byron Dowse

 „ … MAXIMILIAN JABLONOWSKI (Zürich): … Kontrovers bleibt aber die Frage, inwiefern die Maschine sich selbst steuert oder steuern darf. Dies akzentuiert auch einen ethischen Aspekt. Auch die physikalische Abwesenheit der Nutzer/in beweist nicht, dass […] technische Geräte ganz ohne Menschen Entscheidungen treffen können, was wieder an den Beitrag von Wolfgang Coy erinnert, welcher Nutzende immer wieder in den Fokus setzte. … “ (Deborah Brem)

„ … MARION NÄSER-LATHERs (Marburg) Forschungsvorhaben beschäftigte sich mit der italienischen Frauenbewegung «Se non ora quando?». Die Bewegung organisiert sich primär über das Internet. Mittels der Konzepte der Assemblage und der Akteur-Netzwerk-Theorie untersuchte Näser-Lather sowohl in den Online-Netzwerken der Gruppierung als auch in ihrer Offline-Kommunikation, wie digitale Medien als Mittel zum Empowerment und für politisches Handeln genutzt werden und auch, wie die Feministinnen digitale Stolpersteine verhandeln. …“ (Lucia Chen)

„ … ANNA HENKE (Hamburg) sprach über die FinTech Branche, die, aufgrund des durch die Finanzkrise beförderten Imageverlusts der Banken, am Wachsen ist. FinTech steht für Innovationen gepaart aus Technik und Finanzwesen. Als Beispiel nennt Henke Online- Kreditvergabepraxen: Unternehmen stellen online eine Plattform bereit, um Menschen, die Geld ausleihen wollen und solche, die Geld verleihen wollen, miteinander zu vernetzen. Eine Praxis, die nicht nur Menschen, die bisher aufgrund mangelhafter Bonität aus der klassischen Kreditvergabe ausgeschlossen wurden, neue Anschlüsse bietet, sondern gleichzeitig die Finanzbranche vor neue Herausforderungen stellt. Anstelle komplizierter Compliance Strukturen bestimmen resp. berechnen Algorithmen die Kreditvergabe. Diese neue Praxis bewertet Anna Henke einerseits als Chance, warnt aber gleichzeitig vor der grossen Offenlegung an Daten, die von den Kreditnehmenden gefordert wird. Trotz allem stehe bereits fest, dass die FinTech die Finanzbranche modernisiere. … “ (Silvia Müri)

«BRIAN FORD (Lausanne), Professor für dezentrale und verteilte Systeme erklärte der versammelten Gemeinschaft vereinfacht die Funktionsweise von Blockchain als Grundlage für Kryptowährungen sowie die Gründe für die Ineffizienz und Unsicherheit der Währung Bitcoin. Letzteres machte er interessanterweise durch die Übersetzung in eine kulturwissenschaftliche Terminologie, wo er mithilfe des Begriffs des „Hazing Rituals“ die extrem energieintensiven Rechenoperationen beschrieb, welche Bitcoin-Neueinsteiger zu leisten haben. Hinzu kamen Überlegungen zur Verkörperung von Wert und dem angeblich demokratisierenden Effekt von dezentralen Kryptowährungen sowie der Frage eines bedingungslosen Grundeinkommens. “ (Byron Dowse) 

Bryan Ford

Vortrag Dr. Bryan Ford (Lausanne) (C) Byron Dowse

„ … Die an die Vorträge anschliessende Cryptoparty, verband sodann auf gelungene Art und Weise den wissenschaftlichen Tagungsalltag mit der digitalen Freizeit der Teilnehmer_innen, indem diese von sogenannten Cryptoangels in die Kunst der digitalen Verschleierung und Verschlüsselung eingeführt wurden und gleichzeitig einen Einblick in die Ästhetik einer Cryptoparty erhielten (die durchaus einige umgekippte Bierflaschen und leere Pizzakartons beinhaltet). … “ (Lucia Chen)

Cryptoparty

Pizzaplausch bei der Cryptoparty (C) Byron Dowse

„ …MATTHIAS HARBECK (Berlin) […] argumentierte, dass alle forschungsrelevanten Punkte in der Sozial- und Kulturanthropologie digital archiviert und verhandelt werden, dies aber von den Ethnologen und Ethnologinnen nicht bewusst reflektiert wird. Das Fach ist sich seiner digitalen Beschaffenheit nicht bewusst, obwohl der digitale Alltag einen Grossraum in der Forschung einnimmt. Um dieses Bewusstsein zu schärfen und zudem den digitalen Alltag zu optimieren, versucht die Deutsche Forschungsgemeinschaft, kurz DFG, durch geeignete Fachinformationsdienste Standardisierungen und Vereinfachungen zu schaffen, die für Fach und Nutzende von Vorteil sind und zugleich das Bewusstsein für die digitale Ordnung und Nutzung schärfen. …“ (Deborah Brem)

„ … Das breite Angebot an Beiträgen in den drei Tagen hat verdeutlicht, dass nahezu überall Digitalität in irgendeiner Form in unseren Alltag ‘eingebettet’ ist und dass die Begrifflichkeit sehr differenziert betrachtet werden muss. Einerseits ist Digitalität in unserem Alltag selbstverständlich und kaum noch bewusst wahrnehmbar, andererseits wurde durch die Tagung auch deutlich gemacht, wie gross die Bandbreite eigentlich ist. Die spannenden Diskussionen rund um das Thema haben dazu eingeladen, sowohl einen offeneren als auch kritischeren Blick zu schärfen, gerade auch für Themen, die auf den ersten Blick nicht vertraut, aber sehr aufschlussreich sind. … “ (Deborah Brem)

„Ganz im Zeichen des Networkings stand […] die Tagung insgesamt, denn diese bot eine kollegiale Atmosphäre und Plattform für Vernetzung mit gleichgesinnten Forscher_innen aus verschiedenen Fachbereichen, die diese auch rege zu nutzen wussten.“ (Lucia Chen)

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